Radikalisierung der Gesellschaft

In der Debatte nach dem „Wie“ und „Warum“ steht die Radikalisierung von Individuen und Gruppen noch immer im Vordergrund. Auch wenn die Gesellschaft noch vorwiegend als soziales Umfeld oder Umwelt in vielen Studien betrachtet wird, hat die Frage nach der Wirkung von radikalisierten Individuen, Gruppen, Milieus und Schichten auf die Gesellschaft an Raum gewonnen. Denn nicht nur Einzelne oder Gruppen können sich radikalisieren – auch eine Gesellschaft kann sich radikalisieren. Das geschieht etwa, wenn die Legitimität des politischen Systems in Frage gestellt wird und eine Abkehr von herrschenden sozialen Normen im politischen Umgang, insbesondere eine Abkehr der Ablehnung von politischer Gewalt, stattfindet.

Die Studie

PRIF Report 8/2018 | Radikalisierung der Gesellschaft? Forschungsperspektiven und Handlungsoptionen

PRIF Report 8/2018
Radikalisierung der Gesellschaft? Forschungsperspektiven und Handlungsoptionen
Eva Herschinger // Kemal Bozay // Oliver Decker // Magdalena von Drachenfels // Christian Joppke (mit Klara Sinha)

[Download PRIF Report 8/2018]

Der Film

Film "Radikalisierung der Gesellschaft?" |  Länge 9"50' |  Realisation Philipp Offermann mit Manuel Steinert // Lilli Kannegießer |  HSFK 2018

Besondere Aufmerksamkeit widmet die Forschung der Frage nach dem „Extremismus der Mitte“ (Seymour Martin Lipset), d.h. inwieweit radikalisierte Einstellungen in der Mitte der Gesellschaft zu finden sind. Da ein Großteil ihrer Bürger sich sozial den mittleren Schichten zurechnet, kommen Veränderungen der Mitte eine hohe Bedeutung zu. Die Forschung zeigt, dass die deutsche Gesellschaft derzeit nicht als radikalisiert bezeichnet werden kann: Die demokratischen, mittleren Milieus sind gefestigt und in den letzten Jahren sogar größer geworden. Allerdings wird der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland derzeit auf eine harte Probe gestellt. Vor allem rechtspopulistische und rechtsextremistische Gruppen und Milieus mit ihren antisemitischen, migrations- und islamfeindlichen Positionen stellen ihn in Frage. Das wirkt politisch polarisierend. Polarisierung ist nicht per se negativ zu bewerten und gehört zu einer Demokratie dazu, jedoch kann eine Polarisierung durch antidemokratische Milieus und Gruppen eine gesamtgesellschaftliche Radikalisierung begünstigen.

Handlungsoptionen

  1. Stärkung von gesellschaftlicher Resilienz, vor allem durch politische oder kulturelle Bildungsarbeit. Es gilt, eine Balance zwischen Anerkennen und Abgrenzen herzustellen, weil es einerseits um Respekt gegenüber Religion und Herkunft, andererseits um Abgrenzung gegenüber allen Formen von Ungleichwertigkeit geht. Dazu gehört es auch, Ambiguitätstoleranzen zu entwickeln, d.h. die Fähigkeit zu stärken, Differenz(en) auszuhalten, sich mit Differenz(en) auseinanderzusetzen, ohne stigmatisierende, diskriminierende und antiplurale Positionen zu postulieren.
  2. Depolarisierung der öffentlichen Debatte. Dies kann durch einen Verzicht der strategischen Übernahme von politisch polarisierenden Parolen durch die Vertreterinnen und Vertreter von demokratischen Parteien vorangetrieben werden. Darüber hinaus kann dies auch durch einen sensiblen Umgang mit Bezeichnungen erreicht werden, die Polarisierung und Ausgrenzung Vorschub leisten können. Angstmacherei sollte mit einem modernen Konzept von gesellschaftlichem Zusammenhalt widersprochen werden, da eine sich der Vielfalt der Lebensformen anpassende Demokratie ein unverzichtbares Medium der Integration ist.
  3. Umgang mit (rechts)populistischen Parteien. Hier sollte das Ziel der politischen Arbeit die klare inhaltliche Abgrenzung und Distanzierung von (rechts)populistischen Parteien durch die Vertreterinnen und Vertreter der pluralen Gesellschaft sein, um die Grenzen des Sagbaren nicht weiter zu verschieben und den bereits erfolgten Normalisierungstrend zu stoppen.
  4. Förderung der vergleichenden Forschung. So kann das Denken und Agieren in „extremistischen Konjunkturen“ (Beachtung von Extremismen ausschließlich gemäß aktueller Bedrohungslage) verhindert oder zumindest eingehegt werden.

Beteiligte Personen

Koordination

  • Eva Herschinger
    Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)

Team

  • Kemal Bozay
    Fachhochschule Dortmund
  • Oliver Decker
    Kompetenzzentrum für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig
  • Christian Joppke
    Universität Bern
  • Magdalena von Drachenfels
    Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)
  • Klara Sinha
    Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK)